Demokratie, erstickt

In Ungarn ist unlängst die Demokratie qualvoll an Covid-19 erstickt. Die Lungenflügel verklebt, keine Luft mehr zum Atmen, von allen lebensrettenden Maßnahmen ausgeschlossen, kam es zu einem multiplen Organversagen. Wie bei anderen Patient_innen auch, hatte die ungarische Demokratie bereits diverse Vorerkrankungen.

Im Zuge der Corona-Krise ist dies ja fast zum beschwichtigend entschuldigenden Standardsatz geworden: Ach so, ja dann… . Nur: alle dieser Vorerkrankungen waren behandelbar. Die lebensbedrohliche Situation der Demokratie in Ungarn war nicht unabwendbar – und ist es auch in anderen Ländern nicht.
Darum ist es gut, wenn wir rechtzeitig beginnen, Debatten zu führen, Bedenken zu äußern, aufmerksam zu sein. Dabei geht es eben nicht nur darum, wann wir wieder in den Biergarten dürfen oder wie die Wirtschaft wieder in Schwung kommt, sondern ebenso um Fragen nach dem Einfluss von Statistiken und Experten, gleich welcher Profession, auf die Politik, um Tracking-Apps, den Zauber und die Qualen der Digitalisierung, die eben nicht nur ein Infrastrukturproblem sind, die Selbstinszenierung von so genannten Machern und Entscheidern oder die Anhäufung all der Notwendigkeiten, deren Wendigkeit wir kaum noch mitbekommen.
In Ungarn wurde die Demokratie skrupellos geopfert, doch auch bei uns gibt es keinen Grund, die Demokratie auf den Flur zu schieben, nur um irgendwann einmal nachzuschauen, ob sie noch atmet.

Exerzitien für coronäische Zeiten

Es ist Frühling – und Corona-Krise.
Für alle von uns bedeutet die aktuelle Situation einen großen, ja nie erlebten Einschnitt. Trotzdem sind die Auswirkungen unterschiedlich und treffen uns unterschiedlich hart – bis hin zu Einkommensverlusten, Ängsten und Niedergeschlagenheit.

Wir sind zusammen betroffen und sind dennoch getrennt, ja sollen uns sogar trennen. Das betrifft jedoch nur die körperliche Nähe. Social distancing heißt aber: werdet sozial, haltet Abstand, aber wendet euch einander zu. Steht füreinander ein, helft einander. Lieben-tun ist jetzt gefragt.

Dennoch sind da auch viele Fragen nach dem Sinn, nach dem Leben, ja vielleicht sogar nach dem Willen Gottes und seiner Perspektive auf diese Krise – und auf uns selbst.
Es gibt vielfältige Angeboten auf vielen Kanälen, online vor allem, aber auch täglich um 19:30 Uhr mit Kerze und Gebet.

Wir bieten hier nun ein aktuelles Exerzitienprogramm an.
Soweit noch nicht verfügbar, werden die Exerzitien jeden Tag um ca. 18 Uhr für den kommenden Tag aktualisiert.

Wie alles funktioniert kannst du hier nachlesen.
Jeder für sich und alle miteinander können diese Übungen machen, werden durch Verse, Anregungen und Gebete durch den Tag geleitet. Mach doch einfach mit – und Du nimmst nicht nur teil sondern bist Teil von Gottes Gemeinde.

Die Exerzitien verbinden die aktuelle Krise und die Passionszeit – aber sie tun es auf eine besondere Weise. Sie suchen die Antworten und Impulse dort, wo von Gottes Ja zu dieser Welt und zum Leben die Rede ist. Nicht der Katastrophe soll das Wort geredet werden, sie spricht schon laut genug, sondern dem Evangelium und der Liebe Gottes.
Darum beginnen diese Exerzitien – vielleicht etwas überraschend – 

am Anfang!

Social d i s t a n c i n g

lautet das Gebot der Stunde. Doch wie es mit Geboten nun mal so ist:
Sie erscheinen den einen als Zumutung und den anderen als mehr oder weniger freundliche Empfehlung. Offenbar besteht das Problem nicht allein in der Einsicht in den Sinn derartiger Gebote, sondern vor allem in der Lust, sich in selbstgerechter Weise darüber hinwegzusetzen. Doch wie auch bei den biblischen Geboten geht es gar nicht um das Einhalten der Regel um der Regel willen, sondern darum, Schaden von anderen Menschen und von der Gemeinschaft abzuwenden, darum, das Leben und das Miteinander zu schützen.

Darum bedeutet social d i s t a n c i n g gerade nicht, sozial Abstand zu halten.
Da ist der Begriff doch etwas unglücklich gewählt. Denn so sehr es notwendig ist, körperlich auf Distanz zubleiben und Übertragungswege für das Corona-Virus zu erschweren, wendet es ebenso Not, wenn soziale Abstände sich verringern:
Indem wir einander unterstützen und helfen, indem wir miteinander auch über Distanzen in Kontakt und in Verbindung bleiben, indem wir einander ermutigen und denen den Rücken frei halten, die konkret in ihrem Können und Handeln gefragt sind:
Wie geht es Dir in der Abgeschiedenheit oder auf der Arbeit, hast Du alles, was Du brauchst? Wollen wir miteinander beten? – und sei es eben am Telefon!

Social d i s t a n c i n g lautet das Gebot der Stunde – und das bedeutet:
haltet euch voneinander fern, bedrängt einander nicht!
Es bedeutet aber auch: Gebt acht aufeinander! Gebt und nehmt Anteil aneinander!
Paradoxerweise heißt Social d i s t a n c i n g also: Werdet endlich sozial!

Mein Schaaatz…

Graffito aus dem Berliner Mauerpark

»Häuft in dieser Welt keine Reichtümer an! Sie werden nur von Motten und Rost zerfressen oder von Dieben gestohlen! Sammelt euch vielmehr Schätze im Himmel, die unvergänglich sind und die kein Dieb mitnehmen kann. Wo nämlich euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein.«
Jesus, Bergpredigt, Matthäus 6,19

Hamsterkäufe erzeugen Hamsterkäufe, Rücksichtslosigkeit vergrößert die Not,
Angst frisst die Seele auf. Was könnte dagegen wohl wirklich wertvoll und kostbar sein?

Einer hat uns angesteckt…

… haben wir früher gesungen. Heute klingt das zynisch.
Dabei ging es im Lied um die “Flamme der Liebe” und nicht einen viralen Infekt, der, wie es scheint, selbst kleinere Flämmchen der Liebe zu ersticken droht. Wo Regale geplündert, auf Kinderintensivstationen Schutzkleidung geklaut oder in Kliniken Desinfektionsmittel für den eigenen Bedarf abgefüllt werden, offenbart sich auf beschämende Weise das Ungeheuer im Menschen.


Beschämend, weil es dumm und unvernünftig ist, dass auf diese Weise Menschen, die Schutz brauchen, seien es Patient*innen, medizinisch-pflegerisches Personal oder auch betreuende Angehörige, dieses Schutzes beraubt werden – was wiederum die Gesamtsituation weiter verschlechtert. Und wie schnell ist man selbst betroffen?


Beschämend aber auch, weil hier einmal deutlich wird, was im christlichen Sinne als Schuld oder Sünde zu verstehen ist: Nicht der Diebstahl an sich, sondern der Schaden, der anderen Menschen damit zugefügt wird und der womöglich nicht mehr zu beheben oder zu ersetzen ist.

Die aktuelle Situation ist darum auch ein Stresstest, auf unsere Menschlichkeit und unser Zusammenleben. In der Geschichte hat sich erwiesen, dass Solidarität, Vernunft und Rücksichtnahme zur Bewältigung von Krisen beitragen – während ihr Gegenteil: Egoismus, Gleichgültigkeit oder Rücksichtslosigkeit, die Situation verschlechtert haben. Auch auf Kosten der Rücksichtslosen selbst.
Wenn aber solidarische Gesellschaften Krisen besser bestehen als unsolidarische, dann kommt es auf jeden Einzelnen an, schreibt Georg Mascolo für Tagesschau.de (siehe Link oben). Verständnis dafür, dass Veranstaltungen abgesagt oder Abstand gehalten wird, ist da nur das allergeringste: #Nachbarschaftschallenge

Auch Politiker wie Trump oder Herr Meuthen von der AfD sind an diesem aktuellen Stresstest jetzt schon gescheitert. SARS CoV 2 taugt nicht als Zutat fürs eigene Politsüppchen. Wer damit Stimmungen hochkochen möchte, hat angesichts der Krise und der dafür gebotenen Verantwortung schon versagt.

Die Abwägungen eigenen Verhaltens oder auch für die Maßnahmen, die wir als Kirchengemeinde ergreifen sollten, sind nicht leicht, aber auch nicht leichtfertig gemacht. Sie erfordern es, aufeinander zuzugehen, offen miteinander umzugehen und verständnisvoll zu sein – und einander nach Kräften beizustehen. Übrigens auch im Gebet – denn es gibt keinen Grund, darauf zu verzichten. Lieben tun! ist darum nicht nur einfach ein Gebot oder eine Einstellung, sondern vor allem eine Entscheidung zum Handeln.

Sturmschäden

Stürmisch seit Wochen, nasskalter Dauerregen – der Boden ist aufgeweicht,
was nicht gut verwurzelt ist oder als toter Ast herumhängt
wird zur Gefahr für Leib und Leben.
Ja, es geht ums Klima – das Klima von Hass, Verachtung und ständigen Provokationen,
das von einer Partei wie der AfD genüsslich gepflegt wurde und wird:
Die Dauerberieselung mit menschenverachtender Sprache, pauschal verurteilenden Etikettierungen und Pranger-Markierungen hat den Boden zum braunen Sumpf derart aufgeweicht, dass Menschenleben in Gefahr sind. Weiterlesen

Sturmwarnung

Auf die Sturmwarnung vor dem Sturmtief „Sabine“ reagiert das ganze Land mit Vorsichtsmaßnahmen und hoher Aufmerksamkeit. Ein Sturm zieht auf, samt Kaltfront und Gewitter, Schäden werden befürchtet, Leib und Leben gilt es zu schützen.
Doch der Wintersturm ist nur Wetter.
Die aktuellen Ereignisse in Thüringen sind mehr als eine politische Schlechtwetterlage – offenbar, und tragischer Weise, hat das Gedenken an Auschwitz nicht gereicht. Weiterlesen

Ich glaub’s wohl!

„Alles ist möglich, dem der glaubt“ sagt Jesus.
Na – Ich glaub’s wohl!

Es ist ja ein wenig vertrackt, dieses „Ich glaub’s wohl!“:
Ich glaub’s – und irgendwie auch nicht.

„Das ist alles nur zu deinem Besten…“ – Ich glaub’s wohl!
„Ich wollte doch nur…“ – Ich glaub’s wohl!
„Das ist von ganz alleine…“ – Ich glaub’s wohl!
„Wir waren gezwungen…“ – Ich glaub’s wohl!
„Das war ich nicht“ – Ich glaub’s wohl!

„Ich glaub’s wohl“ trägt also gleich mehrere Akzente des Unglaubens und des Protestes,
vielleicht auch des zweifelnden Staunens: Tatsächlich? Weiterlesen