das erinnert mich an…

Wer ist bei mir, wer hat mich im Blick? 

Wer hilft mir mit all dem, was mir gerade fehlt zum Leben?
Wer erfrischt mich in der Hitze und in der Müdigkeit,
wer schenkt mir Gutes, wo ich Berührung vermeide?

Wer begleitet mich und zeigt mir, wie es weitergeht?
In wessen Namen geschieht all unser Tun und Ergehen?
Wer geht mit mir durch das Dunkel,
durch bedrohliche Zeiten, auf schwierigen Wegen?

Soll ich mich fürchten, vor Ansteckung oder vor der Einsamkeit?
Wo finde ich Trost, was gibt mir Halt?

Wer deckt mir einen Tisch, im Angesicht der Gefahr,
hygienisch, auf Abstand bedacht?

Wann erfahre ich wieder die Fülle,
feiere das Leben und lasse mich pflegen, an Haut und Haar?

Ich sehne mich nach dem, was gut tut und was Gutes schafft,
nach Güte, Rücksicht und nach Solidarität.

Ich sehne mich nach dem Platz, an dem ich Leben kann,
solange ich lebe.

Coronäischer Karfreitag

“Siehe, um Trost war mir sehr bange!”
Die alte Formulierung dieses Gebetes des Königs Hiskija durch Martin Luther trägt den Ton einer großen Not und Bedrängnis, ohne Trost und ohne Hoffnung.
Die Sehnsucht nach Frieden und der Kraft, auch an den Grenzen des Lebens durchhalten zu können, die Sehnsucht und das Bedürfnis getragen und gehalten zu sein.
“Ich habe die Bitterkeit des Lebens und des Todes am eigenen Leib erfahren”,
so könnte man mit Hiskija und vielen Menschen sagen, die da hindurch gegangen sind.

“Ich habe die Bitterkeit des Lebens und des Todes am eigenen Leib erfahren”,
das kann auch Jesus sagen. Verraten, im Stich gelassen, verhaftet, gezerrt, misshandelt,
ausgeliefert, geschlagen, verspottet, dazu gezwungen, dass Folterwerkzeug zu ertragen,
gekreuzigt, verwundet, gestorben.

Am Karfreitag erinnern wir uns nicht nur daran, was irgendwann einmal geschehen ist,
das wäre viel zu wenig. An Karfreitag verbinden sich Gegenwart und Gegenwart,
die Wirklichkeit Jesu durchdringt unsere Wirklichkeit – und verwandelt sie.
Geschichte, Gegenwart und Zukunft, fern und nah, der Eine und die Vielen, du und ich und wir: Das Kreuz Christi verbindet – und bringt zugleich die Widersprüchlichkeit dieser Welt und dieser Zeit, die Widersprüchlichkeit des Lebens und der Menschen auf den Punkt – an das Kreuz.
Zerrissen wie wir sind, haben wir die Bitterkeit des Lebens und des Todes auch schon am eigenen Leib erfahren, war und ist uns um Trost sehr bange.

In diesem Jahr feiern wir Karfreitag wirklich in der Stille, am eingesperrten, ausgesperrten Ort.

Doch wer sich einlässt auf den, der sich auf uns eingelassen hat,
wer sein Leben dem anvertraut, der sich in unsere Hände begeben hat,
der findet nach Hause, findet den Trost, findet die Kraft, findet die Hoffnung, findet die Liebe
– und findet das Leben. Auch in coronäischen Zeiten.

Du kommst hier nicht rein!

Türsteher, so heißt es in der Online-Enzyklopädie Wikipedia, führen eine “augenscheinliche Zugangskontrolle” zum Beispiel in “Diskotheken, Nachtclubs, Tanzcafés, Restaurants und Bordellen” durch.
Ja, und aktuell auch an Supermärkten, wie zum Beispiel einem REWE-Markt in Köln-Rodenkirchen. Dort sorgen sie dafür, dass Pflegepersonal aus dem benachbarten Altenpflegeheim dort nicht einkaufen kann, indem sie den Zutritt verweigern. Ähnliches passierte auch in Süddeutschland, wo eine Intensiv-Pflegerin aus einem Supermarkt hinausgeworfen wurde, nachdem eine Kundin sie erkannt hatte.

Nun gehört es zu den Aufgaben der Türsteher auch, so heißt es bei Wikipedia, dafür zu “sorgen, dass vor allem Leute das Lokal betreten, die dessen Attraktivität erhöhen.
Dazu gehören neben zahlungskräftigen Kunden in erster Linie Frauen ohne männliche Begleitung.” Das gilt dann ja wohl auch für die besagten Supermärkte – jedenfalls, solange es keine Pflegerinnen sind.

Das ist nicht einfach nur empörend, es ist zutiefst respektlos, würdelos und unethisch.
Tatsächlich?
Oder geht es hier doch um die Abwägung des Wohls einzelner gegen den Nutzen vieler, also einen billigen Utilitarismus aus dem REWE NEIN-Programm?

So einfach ist es vielleicht nicht: Denn, die Pflegerin und der Pfleger sollen ja weiter pflegen, auch den Supermarktleiter, wenn er denn an Corona erkrankt, oder einfach nur eine neue Hüfte bekommt. Sie dürfen sich dann auch Helden nennen lassen – sie sollen nur eben nicht in seinem Supermarkt einkaufen. Und wenn es alle so halten wie er, auch in keinem anderen.

Sollen sich doch beliefern lassen, die Pflegenden, oder sollen die Nachbarn aushelfen. Aber da ist es ja unter Umständen nicht anders, wie das ZDF aus Frankreich berichtet, wo Nachbarn ihre Nachbarn, eben weil diese Pflegende sind, auffordern, auszuziehen.

Das erinnert an “nur für Weiße” oder “nur für Arier”.
Das Argument, dass es dort um Ideologie und hier um Gesundheit gehe, zieht dabei nicht.
Denn die Frage ist nicht, ob die Pflegerin als Kundin oder der Pfleger als Kunde ansteckend sind, sind doch gerade Pflegende besonders geschützt oder getestet
– und in besonderer Verantwortung.
Stattdessen geht es um diffuse Ängste und Vorstellungen von Ansteckung,
um das eigenmächtige Wissen um gut und böse.

In der Bibel gibt es ebenfalls Türhüter.
Gleich im Ende vom Anfang,
mit dem zerrissenen Wissen um richtig und falsch und dem neuen Sein wie Gott,
nachdem sich die Menschen vom dankbaren Kunden der Güte Gottes lieber zum Supermarktleiter befördert haben, steht er vor der Tür des Einkaufsparadieses und sagt:
Ihr kommt hier nicht rein, kontaminiert vom Tod, von euerer Selbstgerechtigkeit,
vom Haben-Wollen.

Auch in den Reden Jesu taucht ein Türhüter auf. Der hat jedoch nicht dafür zu sorgen,
dass niemand hineinkommt – eher im Gegenteil. Er soll darauf achten, was es bedeutet,
wenn der Herr des Hauses eintrifft und wann das sein wird.
Eine Mahnung ganz anderer Art: Macht Euch klar, was und wer bei Euch gelten soll!

Nun feiern wir Karfreitag und Ostern, und erstmals wird mir klar, was es heißt:
hinabgestiegen in das Reich des Todes.
Das Verhalten des Supermarkts, der Kundin als Denunziantin und letztlich auch des Türhüters, der “nur” seinen Job macht – Security, nennt sich das; Security für wen? – bedürfen einer Erlösung und eines Einbruchs ethischer Vernunft gleichermaßen.
Jemandes, der in dieses coronäsische Reich des Todes hinabsteigt.
So ist dieses Verhalten weder christlich noch vernünftig,
sondern eben genau das, was Sünde zu nennen ist und in alter Tradition auch so genannt wird.
Weil es ungerecht ist und Gemeinschaft zerstört.
Oder, um es mit Phil Collins zu sagen:
Oh, think twice 
‘Cause there’s another day for you and me in paradise. 

Darum sind Kirchen gerade geöffnet, auch die Auferstehungskirche:
für das Gebet,
für Pflegende, aber auch für Supermarktleiter und ihre Türhüter.


Kreuzweg

In jedem Jahr gehen und beten wir zusammen mit den Jugendlichen unserer evangelischen und katholischen Nachbargemeinden den ökumenischen Kreuzweg der Jugend. In diesem Jahr ist das nicht möglich.

In der Karwoche kannst Du jedoch bei uns in der Auferstehungskirche den ökumenischen Kreuzweg beten.

Die Kirche ist dafür, sowie für persönliche Gebete, geöffnet:

Palmsonntag von 17-19 Uhr
Dienstag von 11-12 Uhr
Gründonnerstag von 17-19 Uhr
Karfreitag von 11-13 Uhr

Jeder dieser Tage nimmt das Thema des Tages auf.

Wichtig: Auch wenn für ausreichend Abstand
und hygienische Bedingungen gesorgt ist: Es ist keine Gemeindeveranstaltung.

Wer nicht kommen kann oder möchte, der kann den Kreuzweg auch online beten.

Demokratie, erstickt

In Ungarn ist unlängst die Demokratie qualvoll an Covid-19 erstickt. Die Lungenflügel verklebt, keine Luft mehr zum Atmen, von allen lebensrettenden Maßnahmen ausgeschlossen, kam es zu einem multiplen Organversagen. Wie bei anderen Patient_innen auch, hatte die ungarische Demokratie bereits diverse Vorerkrankungen.

Im Zuge der Corona-Krise ist dies ja fast zum beschwichtigend entschuldigenden Standardsatz geworden: Ach so, ja dann… . Nur: alle dieser Vorerkrankungen waren behandelbar. Die lebensbedrohliche Situation der Demokratie in Ungarn war nicht unabwendbar – und ist es auch in anderen Ländern nicht.
Darum ist es gut, wenn wir rechtzeitig beginnen, Debatten zu führen, Bedenken zu äußern, aufmerksam zu sein. Dabei geht es eben nicht nur darum, wann wir wieder in den Biergarten dürfen oder wie die Wirtschaft wieder in Schwung kommt, sondern ebenso um Fragen nach dem Einfluss von Statistiken und Experten, gleich welcher Profession, auf die Politik, um Tracking-Apps, den Zauber und die Qualen der Digitalisierung, die eben nicht nur ein Infrastrukturproblem sind, die Selbstinszenierung von so genannten Machern und Entscheidern oder die Anhäufung all der Notwendigkeiten, deren Wendigkeit wir kaum noch mitbekommen.
In Ungarn wurde die Demokratie skrupellos geopfert, doch auch bei uns gibt es keinen Grund, die Demokratie auf den Flur zu schieben, nur um irgendwann einmal nachzuschauen, ob sie noch atmet.

Exerzitien für coronäische Zeiten

Es ist Frühling – und Corona-Krise.
Für alle von uns bedeutet die aktuelle Situation einen großen, ja nie erlebten Einschnitt. Trotzdem sind die Auswirkungen unterschiedlich und treffen uns unterschiedlich hart – bis hin zu Einkommensverlusten, Ängsten und Niedergeschlagenheit.

Wir sind zusammen betroffen und sind dennoch getrennt, ja sollen uns sogar trennen. Das betrifft jedoch nur die körperliche Nähe. Social distancing heißt aber: werdet sozial, haltet Abstand, aber wendet euch einander zu. Steht füreinander ein, helft einander. Lieben-tun ist jetzt gefragt.

Dennoch sind da auch viele Fragen nach dem Sinn, nach dem Leben, ja vielleicht sogar nach dem Willen Gottes und seiner Perspektive auf diese Krise – und auf uns selbst.
Es gibt vielfältige Angeboten auf vielen Kanälen, online vor allem, aber auch täglich um 19:30 Uhr mit Kerze und Gebet.

Wir bieten hier nun ein aktuelles Exerzitienprogramm an.
Soweit noch nicht verfügbar, werden die Exerzitien jeden Tag um ca. 18 Uhr für den kommenden Tag aktualisiert.

Wie alles funktioniert kannst du hier nachlesen.
Jeder für sich und alle miteinander können diese Übungen machen, werden durch Verse, Anregungen und Gebete durch den Tag geleitet. Mach doch einfach mit – und Du nimmst nicht nur teil sondern bist Teil von Gottes Gemeinde.

Die Exerzitien verbinden die aktuelle Krise und die Passionszeit – aber sie tun es auf eine besondere Weise. Sie suchen die Antworten und Impulse dort, wo von Gottes Ja zu dieser Welt und zum Leben die Rede ist. Nicht der Katastrophe soll das Wort geredet werden, sie spricht schon laut genug, sondern dem Evangelium und der Liebe Gottes.
Darum beginnen diese Exerzitien – vielleicht etwas überraschend – 

am Anfang!

Social d i s t a n c i n g

lautet das Gebot der Stunde. Doch wie es mit Geboten nun mal so ist:
Sie erscheinen den einen als Zumutung und den anderen als mehr oder weniger freundliche Empfehlung. Offenbar besteht das Problem nicht allein in der Einsicht in den Sinn derartiger Gebote, sondern vor allem in der Lust, sich in selbstgerechter Weise darüber hinwegzusetzen. Doch wie auch bei den biblischen Geboten geht es gar nicht um das Einhalten der Regel um der Regel willen, sondern darum, Schaden von anderen Menschen und von der Gemeinschaft abzuwenden, darum, das Leben und das Miteinander zu schützen.

Darum bedeutet social d i s t a n c i n g gerade nicht, sozial Abstand zu halten.
Da ist der Begriff doch etwas unglücklich gewählt. Denn so sehr es notwendig ist, körperlich auf Distanz zubleiben und Übertragungswege für das Corona-Virus zu erschweren, wendet es ebenso Not, wenn soziale Abstände sich verringern:
Indem wir einander unterstützen und helfen, indem wir miteinander auch über Distanzen in Kontakt und in Verbindung bleiben, indem wir einander ermutigen und denen den Rücken frei halten, die konkret in ihrem Können und Handeln gefragt sind:
Wie geht es Dir in der Abgeschiedenheit oder auf der Arbeit, hast Du alles, was Du brauchst? Wollen wir miteinander beten? – und sei es eben am Telefon!

Social d i s t a n c i n g lautet das Gebot der Stunde – und das bedeutet:
haltet euch voneinander fern, bedrängt einander nicht!
Es bedeutet aber auch: Gebt acht aufeinander! Gebt und nehmt Anteil aneinander!
Paradoxerweise heißt Social d i s t a n c i n g also: Werdet endlich sozial!