Gretchenfrage

Kennt ihr eigentlich die Gretchenfrage?

Soll ja bald kein Stoff für’s Abitur mehr sein.
Nicht, dass nachher niemand mehr weiß,
nein, nicht wie Rumpelstilzchen heißt,
sondern wie die Gretchenfrage lautet.

Und,
wie lautet sie nun?
„Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“

Kaum ausgesprochen wird die Gretchenfrage gleich zum so genannten Gattungsbegriff,
denn in wie vielen Lebenssituation ließe sich nicht fragen
– und zwar nicht nur den potentiellen Gatten oder die Gattin –
„Wie hältst du’s mit…?“

Aktuell wäre das zum Beispiel das Tempolimit – 130 auf Autobahnen!
200 Jahre nach der Uraufführung von Goethes Faust die deutscheste aller Gretchen-Fragen, deren Fortgang bekanntlich lautet:
„Du bist ein herzlich guter SUV-Fahrer, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.”

Aber da gibt es natürlich auch noch weitere Fragen…
Wie hältst Du’s mit:
Der Grundrente, der türkischen Invasion in Syrien, Donald Trump, dem Brexit, der EU, dem Euro, Migranten, der AfD, dem Diesel, dem Klima, dem Plastik, veganen Frikadellen,
der neuen Staffel von Bauer sucht Frau…
… und was halt sonst noch so wichtig ist.

Religion gehört da allerdings nicht mehr zu, die ist privat.
Sonst ist ja nix mehr privat.
Also was man denkt, fühlt, ersehnt, für richtig oder falsch hält, meint,
welches Klopapier man benutzt, wie oft man Sex hat und auf welche Weise, welche Serien man kuckt, welche Musik man hört, wie man seine Freizeit verbringt, wo man sich gerade aufhält, was im Kühlschrank ist, wen man liebt und wie viele, welchen Puls und wieviele Zahnfüllungen man hat, wie lange man die Zähne putzt, …
…alles nicht privat,
sondern längst geteilt, gelikt, ge- und verkauft, hochgeladen, verlinkt,
in einen Daten-Satz verwandelt und in alle Welt verschickt.
Die Augenblicke verweilen nicht, sie werden als Selfie gleich geteilt. Ist das nicht schön?

Faust und Gretchen schicken ein Selfie aus dem Gartenhäuschen.
Heutzutage hätte Faust überhaupt kein Problem,
wenn’s auf Elitepartner nicht funktioniert, dann parshipped er halt n bisschen,
11 Minuten warten und schwups, irgendein Gretchen hat sich rettungslos verliebt.
Seine Seele muss er zwar immer noch verkaufen,
doch heißt des Pudels Kern nicht mehr Mephisto sondern Alexa. 

Alles nicht privat, außer:
Religion. Das ist privat. Geht keinen was an.
Denn diese Frage nach Treu und Glauben
ist eine Frage, die an die Substanz geht.
Sie fragt nach dem, was unsere Existenz trägt,
und was als Wahrheit gelten soll.
Kein Wunder, dass wir sie nicht mehr hören wollen.

Zumal:
Wie andere es mit der Religion halten,
das ist denen, die sich für die Sachwalter ihrer Religion halten,
die Kontroll- und Machtfrage. Getreu dem alten Lied:
“Sag, gehörst Du noch dazu, oder bist du längst schon draußen.“
Inquisition, peinliche Befragung, Tod allen Ungläubigen!

Weshalb Gretchen nicht halb so unschuldig ist, wie sie tut, mit ihrer Frage.
Die hat es quasi faustdick hinter den Ohren,
da könnte sich selbst Mephisto noch was von abkucken.

Zumindest für den religiösen Sektor haben wir die Frage darum in den privaten Bereich verschoben. Wie Du’s mit der Religion hältst, geht im besten Fall keinen was an,
und wenn doch, dann stets als Problem.
Die Gretchenfrage aber hat sich längst anderen Themen zugewandt
und Dank unserer eigenen Internet-Filterblase,
sind und bleiben wir zwar immer noch so klug als wie zuvor,
sind uns aber umso sicherer,
dass die „Armen Toren“ immer nur die anderen sind.  

Davon angetrieben marschieren die Zombies der Geschichte geifernd durch Dortmund
und nagen getarnt als AfD längst an den Gehirnen und Eingeweiden derer,
die nicht schnell oder klug genug waren, ihrem vergifteten Apfel aus dem Weg zu gehen. Was dazu führt, dass wieder Synagogen angegriffen werden oder
fahnenschwenkende Profilneurotiker antisemitische Parolen grölen.

„Und ist es Wahnsinn, so hat es doch Methode“ – möchte man sagen,
… was jedoch in einem anderen Drama zu Hause ist,
einem älteren, einem englischen, das überdies in Dänemark spielt.

Dass die Religionsfreiheit zu den grundlegendsten Rechten und Freiheiten gehört,
war und ist uns darum nicht nur als Freikirche wichtig.
Denn ausgerechnet die unfassbarste aller Fragen,
die Frage nach Gott und nach unserer Beziehung zu ihm,
hat viel zu oft zu Unterdrückung, Machtmissbrauch, Verfolgung und Tod geführt,
wohl auch, weil sie so unfassbar ist,
so persönlich
  aber eben nicht so sehr privat.

Denn ich meine:
Glauben, das Vertrauen in die Treue Gottes,
mag vielleicht eine persönliche Angelegenheit sein,
aber ganz sicher keine private.

Andere Sachen, die dürften gerne privat sein.
Christlicher Glaube jedoch ist politisch, ist öffentlich. Soll wirksam werden.
Kehret um heißt: Schafft der neuen Welt Gottes Raum!
Der Gerechtigkeit, der Versöhnung, der Freiheit, der Liebe, der Hoffnung, dem Frieden!
Darum geht’s und das ist nicht privat.