i can’t breath – ich kriege keine Luft

Pfingsten 2020.
Ein Brausen erfüllt die Luft, „wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt“, Zungen von Feuer verteilen sich auf die Anwesenden.


Dann werden sie von Gummigeschossen getroffen, Uniformierte mit Schilden drängen die Menge zurück, einer schlägt auf die Kamera eines australischen Fernsehteams ein.

Wir werden Zeugen des Pfingstereignisses, Pfingstmontag 2020:

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Was starrt ihr in den Himmel?

Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten – er ist nicht hier
haben die Engel am Grab gesagt.
Was starrt ihr in den Himmel? fragen sie nun.

Macht Euch locker, haltet nicht fest, doch
seid Euch des Vorbehaltes bewusst:
Schon und Noch-Nicht:
Beides gilt und beides ist jetzt,
bestimmt unsere Wirklichkeit.

Christus, der Auferstandene, geht mit den Wolken,
über denen manche Freiheit wohl grenzenlos erscheint,
hier jedoch,
mitten in der Welt,
zwischen den Zeiten,
müssen Freiheit und Verantwortung zueinander finden
Gerechtigkeit und Friede sich küssen.

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Maskierte Missionare

Ey, Kirche, missionier mich nicht… .
… hieß es noch vor gar nicht all zu langer Zeit.

Nun stehen hunderte Gläubige mit durchaus missionarischem Eifer auf den Plätzen des Landes und verkünden, woran sie glauben – und das ist, auch wenn sie damit um sich werfen wie andere mit der Bibel – gerade nicht das Grundgesetz.

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Befreiung

Der 8. Mai 1945 – Tag der Befreiung, Tag der Niederlage, Tag der Kapitulation:

Es scheint fast so, als sei dieser Tag für die einen das Eine und für die anderen das Andere oder wenigstens etwas anderes. Tatsächlich kann dieser Tag selbst mit diesen drei Begriffen nicht erfasst werden und jedenfalls nicht nur auf die Unterzeichnung von Urkunden und die Inszenierung großer Gesten beschränkt werden. Die Niederlage des längst schon Darniederliegenden ist ja eine notwendige Folge der lange vorher erfolgten Niederlegung von Menschenrechten, Menschlichkeit, Würde, Respekt und Anstand. Die Kapitulation beendete das Kapitel nicht nur einer nationalsozialistischen Geiselnahme Europas und ihrer Verbrechen sondern ebenso der zugrunde liegenden Macht- und Geltungsbesoffenheit einer verfehlten nationalen und persönlichen Identitätsbestimmung. Diese Kapitulation konnte daher nur bedingungslos sein. Zumal die Herrschaft des Unrechts unbedingt enden musste.

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Sehr zum Segen

Denn, so sagt Gott: Ich will Dich segnen
und Du sollst ein Segen sein.

Na, was wir nicht gerade alles sollen:
Zuhause bleiben, Abstand halten, Masken tragen, Hände waschen, in den Ellenbogen husten oder niesen, geduldig sein und gelassen alles mögliche lassen was wir sonst – nun – eben nicht gelassen lassen würden.
Und jetzt sollen wir auch noch ein Segen sein. Ja, hallo? Geht’s noch?

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das erinnert mich an…

Wer ist bei mir, wer hat mich im Blick? 

Wer hilft mir mit all dem, was mir gerade fehlt zum Leben?
Wer erfrischt mich in der Hitze und in der Müdigkeit,
wer schenkt mir Gutes, wo ich Berührung vermeide?

Wer begleitet mich und zeigt mir, wie es weitergeht?
In wessen Namen geschieht all unser Tun und Ergehen?
Wer geht mit mir durch das Dunkel,
durch bedrohliche Zeiten, auf schwierigen Wegen?

Soll ich mich fürchten, vor Ansteckung oder vor der Einsamkeit?
Wo finde ich Trost, was gibt mir Halt?

Wer deckt mir einen Tisch, im Angesicht der Gefahr,
hygienisch, auf Abstand bedacht?

Wann erfahre ich wieder die Fülle,
feiere das Leben und lasse mich pflegen, an Haut und Haar?

Ich sehne mich nach dem, was gut tut und was Gutes schafft,
nach Güte, Rücksicht und nach Solidarität.

Ich sehne mich nach dem Platz, an dem ich Leben kann,
solange ich lebe.

Coronäischer Karfreitag

„Siehe, um Trost war mir sehr bange!“
Die alte Formulierung dieses Gebetes des Königs Hiskija durch Martin Luther trägt den Ton einer großen Not und Bedrängnis, ohne Trost und ohne Hoffnung.
Die Sehnsucht nach Frieden und der Kraft, auch an den Grenzen des Lebens durchhalten zu können, die Sehnsucht und das Bedürfnis getragen und gehalten zu sein.
„Ich habe die Bitterkeit des Lebens und des Todes am eigenen Leib erfahren“,
so könnte man mit Hiskija und vielen Menschen sagen, die da hindurch gegangen sind.

„Ich habe die Bitterkeit des Lebens und des Todes am eigenen Leib erfahren“,
das kann auch Jesus sagen. Verraten, im Stich gelassen, verhaftet, gezerrt, misshandelt,
ausgeliefert, geschlagen, verspottet, dazu gezwungen, dass Folterwerkzeug zu ertragen,
gekreuzigt, verwundet, gestorben.

Am Karfreitag erinnern wir uns nicht nur daran, was irgendwann einmal geschehen ist,
das wäre viel zu wenig. An Karfreitag verbinden sich Gegenwart und Gegenwart,
die Wirklichkeit Jesu durchdringt unsere Wirklichkeit – und verwandelt sie.
Geschichte, Gegenwart und Zukunft, fern und nah, der Eine und die Vielen, du und ich und wir: Das Kreuz Christi verbindet – und bringt zugleich die Widersprüchlichkeit dieser Welt und dieser Zeit, die Widersprüchlichkeit des Lebens und der Menschen auf den Punkt – an das Kreuz.
Zerrissen wie wir sind, haben wir die Bitterkeit des Lebens und des Todes auch schon am eigenen Leib erfahren, war und ist uns um Trost sehr bange.

In diesem Jahr feiern wir Karfreitag wirklich in der Stille, am eingesperrten, ausgesperrten Ort.

Doch wer sich einlässt auf den, der sich auf uns eingelassen hat,
wer sein Leben dem anvertraut, der sich in unsere Hände begeben hat,
der findet nach Hause, findet den Trost, findet die Kraft, findet die Hoffnung, findet die Liebe
– und findet das Leben. Auch in coronäischen Zeiten.